Für einen kleinen blonden Jungen und ein nicht ganz so kleines, blondes Mädchen war es ein ganz normaler Abend. Die Vorstellung von "Paul und Paula - Die Legende vom Glück ohne Ende" hatte bereits begonnen und nach einigen Vorstellungen hielt sich die Aufregung der beiden längst in Grenzen, die Theaterbühne war ein großer Spielplatz und ihre Rollen als Paulas Kinder fast schon Gewohnheit. Etwas komisch an diesem Abend waren die laufenden tonlosen Fernseher hinter der Bühne, in der Maske und in der Kantine, aber beim Fange spielen über die Probebühne spürten die beiden nichts von der leisen Anspannung, die die Erwachsenen ergriffen hatte.
Nach der Pause war plötzlich alles anders. Die Großen fielen sich in die Arme, ein Wispern ging durch das Theater und vom Bühnentechniker bis zum Nebendarsteller, alle flüsterten sie einen Satz: "Die Grenzen sind offen." Völlig unbeeindruckt steht das nicht ganz so kleine Mädchen auf der Hinterbühne, schielt zu dem kleinen Jungen hinüber und wartet auf den Auftritt, bei dem die Beiden in die Rolle von Grenzsoldaten schlüpfen. Was genau Grenzsoldaten sind, weiß das Mädchen nicht, die Rolle ist aber trotzdem nicht schwer, sie muss dort nur mit dem Jungen stehen, und eine Schranke auf und zu machen, wenn jemand kommt, meistens allerdings müssen sie die Schranke zu lassen und "Kein Durchlass" sagen.
Plötzlich wird das nicht ganz so kleine Mädchen von einem ihrer großen Kollegen beiseite genommen, sie wird gedrückt und ihr wird leise ins Ohr geflüstert: "Die Grenzen sind offen! Sag Matthias, ihr müsst die Grenzen heute auflassen, ihr lasst jeden durchgehen!" Und schon wird sie auf die Bühne geschoben, sie läuft auf den vorderen Bühnenrand zu, an dem die Uniformjacken der Soldaten hängen, und als der kleine Junge von der anderen Seite auf sie zu kommt, ruft sie ihm flüsternd aufgeregt "Wir müssen heute die Grenzen auflassen!" entgegen. Und plötzlich schallt ein Lachen, ein Pfeifen und Klatschen durch das Theater und das Mädchen erschrickt und denkt, sie hat etwas falsch gemacht, aber auch ihre großen Schauspielkollegen lachen und schieben sie in ihrer viel zu großen Uniformjacke der offenen Schranke entgegen, die an diesem Abend nicht wieder geschlossen wird.
Das sich an diesem Abend etwas wirklich Großes verändert hat, begreift das nicht ganz so kleine Mädchen aber erst an einem Tag im Dezember , als ihr das so lange ersehnte rote Halstuch der Thälmannpioniere in einem so untypischen, unfestlichen Rahmen im Klassenzimmer in die Hand gedrückt wird, mit den Worten, "Ihr seid die letzten, die es noch bekommen."
Vier Jahre später, schwerpubertierend und chronisch genervt, im Geschichtsunterricht der 8. Klasse, wurde ich zum ersten Mal bewusst mit den Bildern des 9. Novembers 1989 konfrontiert. Weder mich noch meine Banknachbarin und Freundin ließen diese natürlich damals kalt, was sie jedoch in uns auslösten, war etwas, das man heute Fremdschämen nennt. Wir starrten uns an und ich erinnerte mich an einen Satz meiner Deutschlehrerin, kurz nach dem Mauerfall: "Es ist ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt."
Heute natürlich erkenne ich das Ausmaß dieser Aussage, damals jedoch war es mir unvorstellbar, wie diese Menschen, die doch wie ich in dem selben Land aufgewachsen waren, wie von Sinnen über eine Mauer kletterten, als hätten sie Zeit ihres Lebens nackt und in Ketten bei schimmeligem Brot dahinter ihr Dasein fristen müssen.
Erst viele Jahre später, als ich selbst nach Berlin gezogen war und mich mit echten Berliner unterhalten habe, die tagtäglich mit der Mauer leben mussten, die am S-Bahnhof Friedrichstraße auf eine Grenze trafen, und jeden Tag spürten, dass dort, auf der anderen Seite, Menschen lebten, erst da habe ich wirklich verstanden, wie eingesperrt sich manche Menschen gefühlt haben müssen. Ein zwiespältiges Gefühl beim Betrachten der Bilder jedoch ist bis heute geblieben.
Vor kurzem stand ich wieder vor der Gedenktafel der Mauertoten am Reichstag, und auch wenn ich mehr verstehe, als damals als 9-jährige oder als 14-jährige, wenn ich weiß, welchen dunklen Pfad das Land meiner Kindheit politisch beschritten hat, so kann ich mir noch immer nicht vorstellen, welche Repressalien, welches Elend, welche furchtbaren Gründe es gegeben haben kann, das Liebende ihren Partner, Mütter ihre Kinder, Söhne ihre Eltern verraten haben, und es bei ihrer Flucht in Kauf genommen haben, Freunde, Kollegen, Familienmitglieder und die eigenen Kinder einer unvorstellbaren Gefahr auszusetzen.
Es ist sicherlich das Unvermögen einer Unwissenden, die viele Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze aufgewachsen ist, deren Welt als Kind unvorstellbar groß war, denn wer am Ostseestrand übers Meer bis zum Horizont, oder wie
Martin Grambauer sagen würde "bei Sonnenschein bis nach Afrika" gucken konnte, wer sollte da als Kind auch nur eine Ahnung von Mauern und Grenzen haben. Und doch scheint es nicht nur mir so zu gehen, in einem der unzähligen Politikerinterviews in den letzten Tagen sagte Wolfgang Thierse sinngemäß, was ich so lange nicht in Worte fassen konnte: Dieses Verlangen, diese Neugier nach Drüben, konnte nicht plötzlich ein asoziales Verhalten rechtfertigen.
Was die Geschichte der DDR und die Erfahrung der Ostdeutschen angeht, so wird es immer unzählige Wahrheiten geben. Die Geschichte des Mannes, der um die Sicherheit seiner Familie fürchten musste, weil er politisch angeeckt war, ist genauso wahr, wie die Geschichte des kleinen Mädchens, das stolz wie Timur sein Pionierhalstuch trug und noch heute alle Pionierlieder auswendig kann. Es gab die Welt der Kinder, die ich jedem Kind heute wünschen würde, und es gab die Realität der Erwachsenenwelt, die zu recht vor 20 Jahren ihren politischen Schrecken verlor.
Einen klugen Spruch habe ich noch gelesen, nur kriege ich ihn leider nicht mehr originalgetreu zusammen, was die Wahrheit in den Worten jedoch nicht schmälert:
"In der Trennung vereint, durch die Vereinigung getrennt."
Ich bin gespannt, wieviele Generationen es noch dauern wird, bis auch die Mauer in den Köpfen endgültig gefallen sein wird. Ich wünsche mir persönlich nur eins, dass mir zugestanden wird, dass ich, in dem Land meiner Kindheit, das nicht mehr existiert, in das ich nicht auf der Suche nach meinen Wurzeln zurückkehren kann, wo ich nicht die Speisen der Kindheit wieder kosten kann, weil es die Zutaten nicht mehr gibt, dass ich dort eine wunderschöne Kindheit hatte, mit wunderschönen Erinnerungen und Erlebnissen, und ich sehr traurig bin, dass ich diese Dinge nicht an meine Kinder weitergeben kann, ihnen nie vermitteln werde können, was die weihnachtliche Märchenstunde nach Frühstück und Gänsebraten, Timur und sein Trupp und der Kampf um die goldene Eins im Ferienlager einmal für ein nicht ganz so kleines, blondes Mädchen bedeutet haben.
June_blogt - Mo, 9. Nov, 19:34