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Freitag, 18. September 2009

Von Anfang und Ende

Am Anfang stirbst du.

Von einer Sekunde auf die andere hört dein Leben auf zu existieren und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Du fühlst nichts, außer eine große, alles durchdringende Leere.

Du beginnst zu funktionieren, während du innerlich in dem Moment erstarrt bist, an dem alles zu Ende ging. Dein Herz würde aufhören zu schlagen, wenn es nur könnte, du sehnst dich nach tröstender Dunkelheit, die sich wie eine schützende Decke über die Trümmer deines Lebens legt, so dass kein Gedanke der Gewissheit den Schutzwall deiner Seele durchbrechen kann und du nie begreifen musst: Es ist vorbei.

Du legst dich schlafen, in der Hoffnung, am Morgen nicht mehr aufzuwachen, und träumst von glücklichen Momenten, von einem Leben, das nicht mehr gelebt wird, träumst als wäre nie geschehen, was nicht hätte geschehen dürfen und wenn du aufwachst, kommt der Schmerz. Es ist die Art Schmerz, der dir den Atem nimmt, der dir tief in dein Innerstes fährt, dorthin, wo die Liebe wohnt.

Irgendjemand sagt zu dir, man stirbt nicht an gebrochenem Herzen, aber genauso fühlt es sich an, nur das es nicht dein sinnloser Körper ist, der stirbt, sondern etwas viel Größeres, etwas viel Wichtigeres, das gemeinsame Wir. Jemand sagt zu dir, die Zeit heilt alle Wunden, der Schmerz wird irgendwann nachlassen, aber das hat in deiner Welt keine Bedeutung, denn es tut jetzt weh, und die Zukunft ist so weit fort.

Du beginnst, nur in der Gegenwart zu leben, einen dunklen Tag nach dem anderen, da die Vergangenheit zu schmerzvoll, und die Zukunft nicht mehr wichtig ist, beherrscht von einer einzigen Frage, auf die es keine Antwort geben kann: Warum?

Plötzlich bist du der einzige Mensch, um den sich dein Leben dreht, und du bist dir fremd, denn du bist nicht mehr Teil eines Ganzen, und obwohl du immer neben dem Wir noch ein eigenes Leben hattest, gehört auch dieses Ich der Vergangenheit. Wie sehr er dein Leben geprägt hat, wird dir in dem Moment klar, in dem du im Supermarkt vor dem Regal stehst, entschlossen etwas zu kaufen, was du gerne isst, aber du weißt gar nicht, was du gerne essen willst, denn du weißt nicht mehr, wer du bist.

Du gehst aus, und erträgst niemanden um dich, du bleibst zu Haus, und erträgst die Stille nicht. Du lachst, weil du keine Tränen mehr hast und du weinst, weil es den Druck auf deiner Seele nimmt. Während die Tage vergehen, verändert sich etwas tief in dir drin, so langsam, dass du es nicht bemerkst. Der Schmerz verändert sein Gesicht, er verletzt nicht mehr, er beginnt dich zu trösten, denn dieser Schmerz ist das einzige, das dir geblieben ist. Ihn zu verlieren bedeutet, alles zu verlieren, ohne den Schmerz bist du ganz allein. Und so beginnst du, Erinnerungen zu betrachten wie liebgewonne Urlaubsfotos, sonnst dich in idealistischen Illusionen mit der Gewissheit, etwas so besonderes, wie du erlebt hast, kann gar nicht einfach vorbei sein.

Und dann kommt der Moment der alles erschütternden Klarheit, ohne dein Wissen und Wollen beherrscht dich ein Gedanke: Es ist vorbei. Entgültig vorbei. Er wird nicht wieder kommen. Es ist der Moment, in dem dir klar wird, du wirst nie wieder glücklich werden. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als du glücklich warst, und kannst dir nicht vorstellen, dass du eines Morgens einfach aufwachen wirst, und einfach nur zufrieden sein wirst.

Und doch veränderst du dich weiter, du pflegst deinen Schmerz und deine Erinnerungen, aber immer öfter schieben sich Sonnenstrahlen vor die dunklen Wolken, und immer öfter folgt einer schmerzhaftschönen Erinnerung ein Aber. Aber weißt du noch, wie er dir weh getan hat. Aber weißt du noch, als du nachts wach lagst und nicht wusstest, ob er dich liebt. Aber weißt du noch, als ihr nicht gemeinsam in die Zukunft blicken konntet. Und das Aber kommt immer öfter, wird immer größer und stärker und, eines Abends, völlig ohne Grund, denkst du plötzlich: Arschloch. Und hast sofort ein schlechtes Gewissen.

Und du fängst an weg zu gehen, weil du möchtest, und nicht weil du das Gefühl hast, es wird von dir erwartet, du lachst, und überspielst nicht nur die Tränen, du überlegst, wann du das letzte Mal geweint hast, und weißt es nicht, du triffst Freunde, du tust dir Gutes, du schmiedest Pläne, du lebst.

Und eines Tages wirst du gefragt, wie es dir geht, und du antwortest: Gut! und erschrickst. Du horchst in dich hinein, ganz tief, du sondierst deine Gefühle, du überlegst hin und her, und stellst fest, es stimmt, es ist nicht klar, wie und wann und vor allem warum, aber ja, es geht dir gut. Einfach gut. Einfach so.

Du hast Frieden mit der Vergangenheit geschlossen, du bist froh, dass du sie erleben durftest, aber du weißt auch, dass sie keine Zukunft werden konnte. Du hast verziehen, und zwar dir selbst, du weißt, dass du es nicht ändern konntest, weil du weißt, dass du es versucht hast. Du bist zurück, zurück im Leben und zurück in einer Welt voller neuer Möglichkeiten. Und du wirst neugierig, auf das, was da draußen noch auf dich wartet.

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Nun ist es also Zeit für mich, nach einem Jahr die roten Schuhe wieder heraus zu holen und tanzen zu gehen. Die Regenerationsphase ist abgeschlossen und ich muss sagen, ich bin ein bißchen wehmütig, konnte ich mich doch wunderbar hinter dem Vorwand verstecken: Ach, ich trauere noch, ich bin frisch getrennt, ich muss gar nicht am Leben teilnehmen, lass mir Zeit. Aber das Leben kann man nicht ausschließen, irgendwann guckt es doch hinter der Ecke hervor, kneift einen in den Po, beschießt einen mit Popcorn und läuft kichernd davon, du kannst es einfach nicht ignorieren.

Ich blicke zurück auf das Jahr, und bin sehr stolz auf das, was ich geschafft habe. Es gibt drei Dinge, die mir dabei geholfen haben, und auch wenn ich es so ungerne sage, weil ich es so ungern gehört habe, das wichtigste war dabei die Zeit. Die Zeit läuft für dich, ob du willst oder nicht, und mit jedem Tag der vergeht, rückt die Vergangenheit in den Hintergrund und die Zukunft näher. Du musst dir diese Zeit nur nehmen. Lass dich nicht unter Druck setzen, es wird Menschen geben, die von dir erwarten, dass du nach Wochen, nach Monaten, den Schalter umlegst und so tust als wäre nichts geschehen. Das kann niemand beeinflussen, es dauert, so lange es dauert. Und du hast alle Zeit der Welt.

Das zweite waren Freunde. Alte Freund und neue Freunde, alte Freunde, die die Vergangenheit kennen und das Wir, und die zuhören und immer wieder, völlig ungefragt aber doch mit Vehemenz, deine Gedanken in die Zukunft lenken, wenn du drohst, in der Vergangenheit zu versinken. Und neue Freunde, die dich nicht als Teil einer Partnerschaft kennen, sondern für die du nur du bist, und die die Leere in deinem Leben füllen, bei denen du dich ganz fühlen kannst und nicht einsam, weil jemand in der Runde fehlt, die unbelastet und voller Lebensfreude durch dein Leben trampeln, weil sie dein Leid nicht kennen und dich nicht schonend behandeln, sondern dich mitreißen, weil du für sie einfach nur eine von ihnen bist.

Und ein Mensch, der wohl am allerwichtigsten war, bin ich selbst. Denn egal, wieviele Freund dir helfend zur Seite stehen, durch den Schmerz musst du allein. Darum hör auf deinen Bauch, er weiß als einziger, was gut für dich ist, und zu welchem Zeitpunkt. Wenn dir nach weinen ist, dann weine, wenn dir nach schreien ist, dann schreie, wenn dir danach ist, abends vor dem Einschlafen so zu tun, als wäre alles in Ordnung und nie etwas geschehen, dann ist das so. Wichtig ist, dass du dir Gutes tust, und das du dich mit sovielen positiven Dingen wie möglich umgibst.

Ich genieße es nun, einfach normal zu sein, mit den üblichen Problemen, die Frauen um die 30 in der Großstadt haben, chronischer Geldmangel, chronischer Schuhtick und chronischer Brechreiz beim Anblick der männlichen Singles. Ich bin ganz genau wie die anderen, ich hebe mich nicht hervor, mir geht es weder schlechter noch besser, mein Leben ist schrecklich langweilig, ohne Hochs und Tiefs und das ist so angenehm, denn Gradlinigkeit und Verlässlichkeit sind genau das, was eine Seele trösten kann.

Genau so, wie es jetzt ist, kann es bleiben, und ich denke oft an den Moment zurück, an dem ich mir genau dieses Gefühl gewünscht habe.

Manchmal werden Wünsche doch war...

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